Review in Opéra Magazine No 92 p 55-56
My brother Benji Kontz brought his camera for the piano dress rehearsal and caught a few nice moments too.
Creating the sound world of Neige
Rehearsing Neige - a few pictures from behind the scenes
A review by opera critic Dieter Lintz
Auf der Suche nach den Farben der Sprache
Zeitgenössische Musik hat kein Publikum? Von wegen. 1000 Besucher sahen in zwei restlos ausverkauften Vorstellungen im Grand Théâtre die Oper “Neige” der Luxemburger Komponistin Catherine Kontz (37) - und waren sichtlich begeistert.
Luxemburg. Mag sein, dass es auch ein Stück Lokalpatriotismus ist, was so viele Zuschauer in ein durchaus sperriges Stück lockt. Eine junge Luxemburgerin, die in London lebt und offenbar schon so auf sich aufmerksam gemacht hat, dass Pressevertreter aus Italien und Frankreich oder Theatermacher aus England anreisen, um ihren Opern-Erstling zu begutachten: Das gibt's im Großherzogtum nicht alle Tage.
Catherine Kontz hat sich eine poetische, fernöstlich angehauchte, mit philosophischen Erwägungen durchtränkte Geschichte zur Vertonung ausgesucht. Maxence Fermines Roman “Neige” erzählt von dem jungen Haiku-Dichter Yuko, der die von seinem Vater vorgegebene Karriere ausschlägt, um sich ganz der Kunst zu widmen. Er schreibt ausschließlich Gedichte über Schnee - aber um Perfektion zu erreichen, fehlen in seiner Sprache die Farben. Er macht sich auf eine lange Reise in die eisigen Berge, wo der Meister-Maler Soseki lebt, der - wenngleich blind - auf geniale Art mit Farben umzugehen weiß. Soseki hat sein Augenlicht buchstäblich verbraucht beim ewigen Betrachten des Bildes seiner Geliebten - eine Seiltänzerin, die bei einem Absturz ums Leben kam. Yuko findet sie, eingeschlossen in einem gläsernen Sarg aus Eis. “Neige” ist ein idealer Opernstoff, denn es gibt viele Subtexte und Ebenen, die sich mit Musik erschließen lassen. Man kann philosophieren über die Unendlichkeit von Liebe, über die Frage, was Kunst eigentlich ist, über Hingabe und Konsequenz. Aber die knappen Sätze werden nie schwatzhaft, nichts wirkt überflüssig oder aufgedonnert.
Kontz lässt die Musik erzählen, die filigran abgestimmt ist auf die faszinierenden Bilder. Es bedarf keiner großen Szenerie: viel weißes Tuch, mit faszinierenden Projektionen (Bühne und Video: Ellan Parry und Timothy Bird), die fantasievoll Stimmungsbilder erzeugen, dabei immer wieder mit japanischen Motiven und Schriftzeichen spielend. In Sepia getauchte Déjà-vus, bunte, an Porzellanmalerei erinnernde Landschaftsbilder, Eiswüsten: Das passt, ohne zum optischen Overkill zu werden.
Es bleibt noch Raum für Kopfkino. Und für letzteres hat Catherine Kontz, die auch Regie führt, den perfekten Soundtrack geschrieben. Ihr Klang ist von Neoklassik weit entfernt, folgt weder den Regeln der Tonalität noch der Atonalität, entzieht sich Vergleichen. Sie nutzt alle Mittel, die sie braucht, um die Geschichte zu erzählen: Vom melodiösen Schöngesang bis zur biestigen Dissonanz. Die Musik lebt von Kontrasten: die Sphärenklänge der Glasharmonika (Philipp Marguerre) treffen auf die mächtigen Taiko-Trommeln (Akinori Fujimoto), das von Dirigent Gerry Cornelius exzellent eingestellte zwölfköpfige Ensemble United Instruments of Lucilin bewegt sich traumwandlerisch sicher im Raum, formt sich zu wechselnden Einheiten, hebt die Trennung in Begleitung und Bühnenhandlung auf. Das Solisten-Quintett trägt die Geschichte - Kontz schreibt dankenswerterweise im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Kollegen singbare Gesangslinien.
Stark die ausdrucksvollen Vokalisen von Juliet Fraser als Geliebte im Eis, souverän die drei dunklen Männerstimmen Edward Grint, Vincent Pavesi und Omar Ebrahim. Der Countertenor Rodrigo Ferreira in der Rolle des jungen Dichters wirkt in der Höhe etwas ungelenk, punktet aber beim musikalischen Ausdruck. Der Trierer Tänzer Reveriano Camil und die Schweizer Seiltänzerin Katharina Dröscher prägen als personifizierte Rückblenden nachhaltig die Atmosphäre. Am Ende rauschender Beifall. Vielleicht für ein Stück, das eine Chance hat, das winzige Repertoire mehrfach aufgeführter Opern lebender Komponisten zu erweitern.
Catherine Kontz hat sich eine poetische, fernöstlich angehauchte, mit philosophischen Erwägungen durchtränkte Geschichte zur Vertonung ausgesucht. Maxence Fermines Roman “Neige” erzählt von dem jungen Haiku-Dichter Yuko, der die von seinem Vater vorgegebene Karriere ausschlägt, um sich ganz der Kunst zu widmen. Er schreibt ausschließlich Gedichte über Schnee - aber um Perfektion zu erreichen, fehlen in seiner Sprache die Farben. Er macht sich auf eine lange Reise in die eisigen Berge, wo der Meister-Maler Soseki lebt, der - wenngleich blind - auf geniale Art mit Farben umzugehen weiß. Soseki hat sein Augenlicht buchstäblich verbraucht beim ewigen Betrachten des Bildes seiner Geliebten - eine Seiltänzerin, die bei einem Absturz ums Leben kam. Yuko findet sie, eingeschlossen in einem gläsernen Sarg aus Eis. “Neige” ist ein idealer Opernstoff, denn es gibt viele Subtexte und Ebenen, die sich mit Musik erschließen lassen. Man kann philosophieren über die Unendlichkeit von Liebe, über die Frage, was Kunst eigentlich ist, über Hingabe und Konsequenz. Aber die knappen Sätze werden nie schwatzhaft, nichts wirkt überflüssig oder aufgedonnert.
Kontz lässt die Musik erzählen, die filigran abgestimmt ist auf die faszinierenden Bilder. Es bedarf keiner großen Szenerie: viel weißes Tuch, mit faszinierenden Projektionen (Bühne und Video: Ellan Parry und Timothy Bird), die fantasievoll Stimmungsbilder erzeugen, dabei immer wieder mit japanischen Motiven und Schriftzeichen spielend. In Sepia getauchte Déjà-vus, bunte, an Porzellanmalerei erinnernde Landschaftsbilder, Eiswüsten: Das passt, ohne zum optischen Overkill zu werden.
Es bleibt noch Raum für Kopfkino. Und für letzteres hat Catherine Kontz, die auch Regie führt, den perfekten Soundtrack geschrieben. Ihr Klang ist von Neoklassik weit entfernt, folgt weder den Regeln der Tonalität noch der Atonalität, entzieht sich Vergleichen. Sie nutzt alle Mittel, die sie braucht, um die Geschichte zu erzählen: Vom melodiösen Schöngesang bis zur biestigen Dissonanz. Die Musik lebt von Kontrasten: die Sphärenklänge der Glasharmonika (Philipp Marguerre) treffen auf die mächtigen Taiko-Trommeln (Akinori Fujimoto), das von Dirigent Gerry Cornelius exzellent eingestellte zwölfköpfige Ensemble United Instruments of Lucilin bewegt sich traumwandlerisch sicher im Raum, formt sich zu wechselnden Einheiten, hebt die Trennung in Begleitung und Bühnenhandlung auf. Das Solisten-Quintett trägt die Geschichte - Kontz schreibt dankenswerterweise im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Kollegen singbare Gesangslinien.
Stark die ausdrucksvollen Vokalisen von Juliet Fraser als Geliebte im Eis, souverän die drei dunklen Männerstimmen Edward Grint, Vincent Pavesi und Omar Ebrahim. Der Countertenor Rodrigo Ferreira in der Rolle des jungen Dichters wirkt in der Höhe etwas ungelenk, punktet aber beim musikalischen Ausdruck. Der Trierer Tänzer Reveriano Camil und die Schweizer Seiltänzerin Katharina Dröscher prägen als personifizierte Rückblenden nachhaltig die Atmosphäre. Am Ende rauschender Beifall. Vielleicht für ein Stück, das eine Chance hat, das winzige Repertoire mehrfach aufgeführter Opern lebender Komponisten zu erweitern.
Une première pour le Luxembourg: Catherine Kontz crée un opéra
La compositrice luxembourgeoise est la première femme à créer un opéra dans le pays. Rencontre avec cette révélation de la scène musicale.
Here a link to a nice article in the main newspaper ‘Wort’ .
More reviews to follow. x x
Schneemalerei
A review in the weekly politico-cultural paper D'Letzebuerger Land here.
“Die luxemburgische Komponistin Catherine Kontz hat mit ihrer ersten großen Oper Neige ein bewegendes Stück über die Liebe, die Kunst und die Reise zum Ich vertont”
Act III
Act II
Act I - a few moments captured by photographer Bohumil Kostohryz
